Die Geschichte der Magier

Die Geschichte

In der Zeit des Täuschers waren die Magier akzeptierte und geachtete Mitglieder der Gesellschaft. Sie und die Priester des Täuschers behandelten einander mit Achtung und Respekt, auch noch, als der Wahnsinn des Täuschers schon offensichtlich wurde. Schlußendlich aber waren es die Magier, welche die Pläne des Täuschers durchschauten und den Mann, der später zum Erbauer werden sollte, warnten. Aus dieser Zeit stammt auch noch das Sprichwort „Er hat die Augen eines Zauberers“, wenn jemand die Lügen oder den Betrug anderer Menschen durchschaut. Darin spiegelt sich ein Rest des Ansehens wieder, das die Magier in Danglar einst besaßen.

Überall im Land waren Magierschulen eingerichtet. Wandernde Magier zogen über das Land und begutachteten die Kinder des Landes auf der Suche nach geeigneten Schülern. Die besten wurden in Akademien in den größeren Städten zusammengeführt und ihrer Fähigkeit nach den „Wegen“ zugeteilt. Die „Wege“ sind Orientierungen der Magie, die eine Spezialisierung der verschiedenen Fähigkeiten mit sich bringen. In jener Zeit gab es noch viele Wege, heute sind die meisten ausgestorben oder von anderen Wegen übernommen.

In jener Zeit aber waren die Magier noch verbreitet. Zu den mächtigsten Wegmagiern gehörten jene vom Weg des Schwarzen Einhorns, vom Weg der Weißen Sonne, vom Weg der Grauen Eule und vom Weg des Roten Löwen. Eine der Akademien, denen selbst die anderen nicht wirklich trauten, war die vom Weg des Bleichen Gebeins. Sie sollte eine schicksalhafte Rolle in der Geschichte der Magie in Danglar spielen.

Die Schlacht der Getäuschten:

Als der unbekannte Held, der später zum Erbauer wurde, auszog, um den Täuscher aufzuhalten, begleiteten ihn die tapfersten seiner Recken. Die Aufzeichnungen berichten ausführlich über die Helden, die ihn begleiteten, und über ihre heiligen Opfer und ihr Ende. Was sie nicht mehr berichten, ist die Unzahl magischer Artefakte, welche die Wegmagier ihnen zur Verfügung stellten, und die zahlreichen Magier vom Weg des Silbernen Pfeils, die sie begleiteten. Sie alle hatten ihren Anteil am Sieg über den Täuscher, doch niemand spricht mehr über sie. Auch das viele der ersten Preardin ursprünglich Magier vom Weg der Weißen Sonne waren, wird nirgendwo mehr erwähnt. Sie sind aus der Geschichte des Volkes getilgt worden, obwohl der Erbauer selbst Djestre gegenüber den Magiern seinen Dank und seinen Segen ausgesprochen hatte. Der Grund liegt tragischerweise in einer Tat, mit der die Magier einst das Reich gerettet haben.

Die Auslöschung

Wenige Jahrzehnte nach der Entstehung des Erbauers war er selbst noch schwach. Die wahnsinnige Hälfte, die fortan als der Waldfürst bekannt war, war aber noch stark, und sie hatte in kürzester Zeit ein Heer grauenvoller Kreaturen herangezüchtet. Die Wesen, grauenvolle Verbindungen von Mensch, Tier und Pflanze, zogen mordend und plündernd über das Land, und nach der Verwüstung einiger östlicher Provinzen sammelten sie sich, um in einem die Tausende zählenden Heer auf Harrgon vorzurücken. Die Heere des Reiches waren geteilt, geschwächt oder bereits vernichtet – das Heer des Fürsten hingegen war groß, und seine Kraft heilte die Wunden seiner Kreaturen schnell. Es schien, daß das Reich verloren war.

In jener dunklen Stunde kamen die Thaumatokraten der Wege in Harrgon zusammen und berieten, wie sie dem Reich zur Seite stehen konnten. Auch die Kräfte der wenigen verbliebenen Kampfmagier waren erschöpft, zumal sich die Akademie vom Weg des Silbernen Pfeils noch nicht sehr von der Schlacht der Getäuschten erholt hatte. In jener Sitzung saßen zusammen die Magier folgender Wege:

  • der Weißen Sonne
  • des Schwarzen Einhorns
  • des Silbernen Pfeils
  • des Bleichen Gebeins
  • des Roten Löwen
  • der Grauen Eule
  • der Goldenen Schlange
  • des Blauen Sternes

Magierversammlung-Bild

Sie sprachen lange und ausführlich über alle Möglichkeiten, die sie zu haben glaubten. Keine der Möglichkeiten schien Erfolg zu versprechen, bis der Thaumatokrat vom Weg des Bleichen Gebeins seine Stimme erhob. Seine Akademie beschäftige sich mit der Nekromantie und der Veränderung von Körpern in all ihren Formen – seit die Lehre des Erbauers verkündet wurde, allerdings nicht mehr in praktischer Form. Sie hatte sich seit jener Zeit mehr auf die Veränderung alles Lebenden spezialisiert und war deshalb auch zu einer fähigen Schule für Heiler geworden. Jetzt aber schlug ihr Anführer etwas Ungeheuerliches vor.

Auf einem großen Feld vor der Stadt waren die Leichen all jener bestattet worden, die in der Schlacht der Getäuschten gekämpft hatten. Direkt daneben war der Friedhof für alle Bürger, die in der Stadt gestorben waren. Der Thaumatokrat vom Weg des Bleichen Gebeins schlug vor, in einem großen Ritual die Gebeine all jener Gefallenen zu erheben, um das anmarschierende Leben mit dem einzigen zu schlagen, was ihm wirklich ein Ende setzte: Dem Tod.

Eine aufgeregte Diskussion entbrannte, die sich über einen Tag und eine Nacht hinzog. Bezeichnend in dieser Diskussion war, das die Frage, ob man sich über die Grundsteine des Erbauers hinwegsetzen könne, nur wenige Stunden diskutiert wurde. Einen Großteil der Zeit nahm die Frage in Anspruch, wie sich dieser Bruch der Grundsteine auf die Zukunft der Magier in Danglar auswirken würde.

Den Ausschlag gab schließlich eine lange Rede von Matasishad gan Djahid, dem Thaumatokraten vom Weg der Grauen Eule, die als die philosophischsten und abstraktesten unter den Magier galten. Seine Rede ist in Auszügen überliefert und wird von den heutigen Magiern oft zitiert, wenn sie sich für die damaligen Geschehnisse entschuldigen.

„Es ist eine harte Zeit für uns. Unsere Entscheidung wird das Schicksal unseres Volkes bestimmen. Schlimmer aber wird das Schicksal sein, das wir uns aufbürden. Ja, wir werden verraten, wozu wir uns bekannt haben. Ja, wir werden zerstören, was uns heilig ist. Und: Ja, wir werden retten, was wir lieben. Wir werden uns opfern, damit unser Volk weiterleben kann, und nicht der Feind wird unser Untergang sein, sondern jene, die wir beschützen. Aber das ist nur gerecht. Wir müssen sterben, damit der Frevel mit uns stirbt, und unser Volk in Frieden und ohne Schuld leben kann. Und wenn wir gestorben sind, dann erst wird uns das Gericht derer erwarten, an denen wir uns wirklich versündigen werden.“

Und so ward es beschlossen. Alle Akademien würden an der Zeremonie teilnehmen – alle, bis auf jene vom Weg der Weißen Sonne. Sie waren den Grundsätzen des Erbauers zu verhaftet, außerdem sollten sie dem Volk erklären, was die Magier getan hatten. Aber auch sie wollten nach dem, was ihre Brüder getan hatten, dem Weg abschwören.

Und so versammelten sich alle Magier der anderen Wege vor dem Tor der Stadt und begannen ihr Ritual. Drei Nächte und drei Tage lang saßen Dutzende von Magiern zusammen und liehen den Magiern vom Weg des Bleichen Gebeins ihre Kraft, damit sie den unheiligen Ritus vollziehen konnten. Und am Abend des Dritten Tages, als die Angreifer schon in Sichtweite waren, erhoben sich die ersten bleichen Skelette aus dem Erdreich und ergriffen ihre verrosteten Schwerter. Zur gleichen Zeit sanken die ersten Magier tot darnieder, entkräftet vom Ritual der Erweckung.

Die Untoten Krieger stellten sich der Armee des Waldfürsten in den Weg. Ihr Anführer war Falghat Kracgoj von Danglar selbst, ein Kriegsherr aus einer Dunkleren Zeit des Herrschergeschlechts, der mit eiserner Faust regiert hatte. Seine Zeit auf Erden war vorüber, doch an diesem Tag schien er all die Jahrhunderte der Untätigkeit wieder wettmachen zu wollen. Er und das Tote Herz von Danglar wüteten schrecklich unter den Veränderten; die Schreie der Sterbenden gellten; Blut und Schlimmeres tränkten die Ebene von Harrgon. Bis heute wächst dort nicht viel, und was dort wächst, ist krumm und verdorben. Von dieser Schlacht wird in Danglar so gut wie nie gesprochen, das einfache Volk kennt nur die Legenden, die über die Ebene von Harrgon erzählt werden, und obwohl sie nicht halb so schlimm sind wie das, was wirklich geschah, werden sie nur flüsternd erzählt.

Die Untoten siegten an jenem Tag. Die Armeen des Waldfürsten wurden zerschlagen, der Heerführer von Kracgoj auf seiner rostigen Lanze gepfählt. Dann sprach der mächtige Untote einen Fluch über das Haupt der Waldfürsten-Armee aus: Kein neuer Kopf sollte dem Ungeheuer wachsen, und bis heute warten die Legionen des Waldfürsten auf die Wiederkehr des Missionars, des Kriegsherren des Fürsten.

Als die Armee des Waldfürsten zerschlagen war, suchten die toten Augen der Verteidiger nach neuen Opfern, doch nichts regte sich auf den Feldern. Da stieß der mächtige Untote Falghat einen grauenhaften Schrei des Triumphs aus, und seine untoten Gefährten stimmten mit ein. Der Schrei stieg auf, bis die Grabsteine auf dem Friedhof zersplitterten, und als es allen gerade schien, als würde er niemals enden, zerstoben die Skelette der Armee zu weißem Staub, der auf der Ebene verwehte. Kein Mensch war durch das Schwert gestorben in jener Schlacht, aber viele, die den Schrei gehört hatten, blieben den Rest ihrer Tage ohne Gehör, und nicht wenige derer, die den Kampf beobachtet hatten, verloren den Verstand.

Doch auch die Urheber der ganzen Schlacht blieben nicht verschont: viele der beteiligten Magier der Wege starben direkt an den Folgen des Rituals. Die Akademien vom Weg der Goldenen Schlange und vom Weg des Blauen Sternes blieben von jenem Tage an verwaist, denn alle Magier dieser Wege waren im Ritual dahingeschieden. Der Orden des Erbauers goß ihre Tore später in Stahl, auf das niemand mehr sie öffnen und die Geheimnisse der beiden Akademien ergründen könne. Auch die Wege des Roten Löwen und der Grauen Eule wurden von jenem Tage an sehr viel weniger begangen. Die Wenigen vom Wege des Silbernen Pfeils, die noch übrig waren, lösten ihre Akademie auf und schlossen sich den Ordenskriegern an, um Buße im Gebet zu tun und ihre Macht als Kampfmagier dem Erbauer zur Verfügung zu stellen. Jene vom Weg der Schwarzen Einhorns verschwanden spurlos, und kaum jemand weiß, was aus ihnen geworden ist. Die Magier vom Weg der Weißen Sonne schworen tatsächlich der Zauberei ab – sie traten komplett der Priesterschaft bei und lehrten die Preardin vieles an Wissen über die Magie, auch wenn die wenigsten von ihnen tatsächlich Preardin wurden.

Vollständig unversehrt blieben nur die Magier vom Weg des Bleichen Gebeins, die den Umgang mit finsteren Kräften aus der Vergangenheit gewohnt waren. Sie aber erwartete ein anderes Schicksal, denn sie stellten sich der Gerichtsbarkeit des Erbauers.

Der Falghat rief ob dieses eklakanten Bruchs der Grundsteine ein großes Tribunal ein. Darin saßen so gut wie alle hochgestellten Persönlichkeiten des Reiches. Zum Ankläger wurde ein hochgestellter Preardin bestimmt. Bevor er aber seine Anklage verlesen konnte, bat der Thaumatokrat vom Weg des Bleichen Gebeins, Thargekh vel Paragk, um das Wort.

Er sprach nicht lang, und er sprach in einfachen Worten: Er bat um das Todesurteil für alle seine Wegmagier und für sich selbst.

Großer Aufruhr erhob sich. Alle Anwesenden diskutierten erregt und lautstark, doch Falghat Romgar von Danglar saß inmitten des Tumultes und schwieg. Schlußendlich bat er sich aber Ruhe aus, und er gewährte den Magiern ihren Wunsch. Nach diesem Richterspruch reichten Falghat und Thaumatokrat einander die Hand, und tiefes Einverständnis war ihnen anzusehen. Beide wußten, das nur durch dieses Opfer die Wunde im Glauben und in der Überzeugung des Volkes heilen konnte, die dieser Bruch der Grundsteine des Erbauers geschlagen hatte. Nur durch den einen Glauben an den Erbauer konnte sich das Volk gegen den übermächtigen Waldfürsten behaupten. Die Magier waren bereit, sich dafür zu opfern, und der Falghat erkannte es und wußte es zu schätzen.

Schon am nächsten Morgen wurde das Urteil vollstreckt. Der Weg des Bleichen Gebeins endete.

Nach der Auslöschung:

Die acht damals mächtigsten Akademien haben nach der Auslöschung viel von ihrer Macht verloren. Die Akademien des Blauen Sterns und der Goldenen Schlange sind ausgelöscht und nie wiederbelebt worden. Der Weg des Bleichen Gebeins ist ausgelöscht und darf öffentlich nicht einmal mehr erwähnt werden. Offiziell existieren die Akademien der Grauen Eule und des Roten Löwen noch, sie sind aber geschwächt und haben viel von ihrem Einfluß verloren. Wenige Jahrzehnte nach der Auslöschung hatten sich einige wenige Magier zusammengeschlossen, die das Verhalten des Volkes den Magiern gegenüber ungerecht fanden. Sie begehen seitdem den Weg des Grauen Löwen, eine verbotene Untergrundbewegung, die auch das verlorene Wissen vom Weg des Bleichen Gebeins sammelt. Sie haben nur noch Rache an der Religion des Erbauers im Sinn. Die Akademie des Schwarzen Einhorns wurde in der Nacht nach dem Urteil durch ein magisches Feuer verzehrt, ihre Wegmagier sind verschwunden. Die Akademie der Weißen Sonne ist ebenfalls offiziell nicht mehr existent, ihre Magier sind reine Scholaren geworden, die den Preardin dienen. Wenige ihrer Profession leben noch. Die Akademie des Silbernen Pfeils wurde auf Betreiben des Fürsten hin innerhalb der Ordenskriegerschaft erhalten – dort werden bis heute Kriegermagier für den Einsatz als Ordenskrieger ausgebildet. Sie sind heute die respektiertesten Magier, da sie über alle Maßen gläubig sind. Obwohl sie fast fanatisch glauben, sind sie doch der Flamme der Läuterung nicht gerade zugeneigt, da die sie am liebsten auch ausrotten würde. Sie tragen auf ihren Stolen heute noch das Zeichen des Silbernen Pfeils, und innerhalb der Akademie verfolgen sie heute noch ihre Geschichte bis zur Schlacht der Getäuschten zurück. Zudem haben sie das Monopol, sich in Danglar auf Kampfmagie zu spezialisieren.

Versiegeltes Akademietor
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